Roma in Berlin

Die Heterogenität der verschiedenen Roma-Communities in Deutschland ist vielleicht am besten in Berlin sichtbar, wo viele Rom*nja leben und außerdem viele Selbstorganisationen und Interessenvertretungen ihren Sitz haben. Für das Community-Building-Projekt sind weniger die Sinti und Roma relevant, die seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten in Deutschland leben und mehr die, die in den letzten Jahren eingewandert sind. Das sind zum einen Rom*nja aus den Westbalkanstaaten, die als Asylbewerber*innen nach Deutschland kamen, teils schon vor zwanzig Jahren. Sobald der Asylantrag abgelehnt ist, leben diese Menschen mit einer Duldung – und zwar oft über Jahre oder Jahrzehnte. Viele haben inzwischen Kinder bekommen, die hier geboren sind, und haben kaum noch einen Bezug zu ihrem ursprünglichen Herkunftsland. Seit der Erklärung der Westbalkanstaaten zu sogenannten sicheren Herkunftsstaaten haben selbst diese Menschen (und ebenso natürlich alle, die erst innerhalb der letzten Jahre eingereist sind) keine Aussicht mehr auf ein Leben in Deutschland. Die Abschiebepraxis wird verschärft, so dass viele Menschen permanent in Angst leben. Aus Protest gegen diese politischen Entscheidungen wurde im Mai 2016 in Berlin das Mahnmal für die ermordeten Sinti und Roma besetzt – jedoch erfolglos. Es wurde geräumt und die meisten der Besatzer sind inzwischen abgeschoben worden. 
Die andere große Gruppe von Rom*nja in Berlin sind Unionsbürger*innen, die seit der EU-Erweiterung 2007 eingewandert sind. Viele dieser Menschen waren aufgrund der eingeschränkten Arbeitnehmerfreizügigkeit in Deutschland jahrelang in einer schwierigen Situation; inzwischen steht ihnen der reguläre Arbeitsmarkt offen. Aufgrund struktureller Probleme in der EU bzw. aufgrund der konkreten Auslegung von nationaler und europäischer Gesetzgebung kann ihre Situation aber mitunter fast so prekär sein wie die eines Asylbewerbers – wenn beispielsweise keine medizinische Versorgung möglich ist, weil die Abrechnung mit der europäischen Krankenversicherungskarte nicht funktioniert, oder wenn der Zugang zu sozialen und Familienleistungen sukzessive so stark eingeschränkt wird, dass in immer mehr Fällen das menschenwürdige Existenzminimum nicht mehr gewährleistet ist. Es bleibt – zumindest für jene Rom*nja aus Rumänien und Bulgarien, die über wenig materielle Ressourcen und geringe Qualifikationen verfügen – die Gefahr einer Verelendung zu konstatieren, wenn staatliche Unterstützungsangebote ihnen zunehmend verwehrt bleiben. 
Die restriktive Gesetzgebung und die Verschärfungen der letzten Jahre sind nur vor dem Hintergrund eines seit Jahrhunderten in der deutschen Mehrheitsgesellschaft tradierten Antiziganismus zu verstehen.