Über das Projekt

Community Building

Das Projekt Community Building wird von der Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen finanziert und von Amaro Foro e.V. und dem Rroma Informations Centrum (RIC) seit 2014 umgesetzt. Es ist Teil der Maßnahmen des Berliner Roma-Aktionsplans zur Stärkung der ausländischen Roma-Communities und ihrer Selbstorganisationen. Das Projekt ist bundesweit einzigartig und als Modellprojekt anzusehen.

Projektbezeichnung

Im Zentrum des Projektes steht die Kooperation von Amaro Foro und RIC, die die Basis für die Vernetzung und Zusammenarbeit mit weiteren Akteuren bildet. Das wichtigste Instrument ist dabei die Öffentlichkeitsarbeit im weitesten Sinne: Über gemeinsam organisierte Veranstaltungen, Infoabende und Fortbildungen werden Interessierte aus den Communities erreicht, die in ihrem Empowerment unterstützt und perspektivisch zu Multiplikatoren in der Jugendarbeit ausgebildet werden. Im geschützten Raum der Verbandsarbeit wird ihre Professionalisierung unterstützt und eigenständiges sowie eigeninitiatives politisches Engagement ermöglicht. Solche Veranstaltungen sind etwa Fortbildungsreihen zur Geschichte der Roma und zum Roma-Genozid oder auch Podiumsdiskussionen anlässlich des Welt-Roma-Tags und Zeitzeugengespräche anlässlich des Roma-Genozid-Gedenktages am 2. August. Ein Höhepunkt ist in jedem Jahr das Roma-Straßen- und –Kultur-Festival Herdelezi in der Neuköllner Boddinstraße. Das Herdelezifest ist auch als Sankt-Georgs-Tag bekannt und einer der wichtigsten Feiertage sowohl für christliche als auch für muslimische Roma auf dem Balkan. Nicht nur in den Communities hat sich das Festival als eine Gelegenheit zum gemeinsamen Feiern etabliert, es schafft darüber hinaus eine positive Sichtbarkeit von Roma in Berlin. Seit 2016 wird außerdem eine Veranstaltung zum Romanes-Tag (5. November) organisiert, um dem Aussterben dieser Sprache etwas entgegenzusetzen. 
Das Projekt hat seinen Sitz im Aufbauhaus, so wie inzwischen etliche andere Organisationen von Roma und Sinti. Die Schaffung dieses Ortes in Berlin und die sich daraus ergebende wesentlich erleichterte Vernetzung der Organisationen untereinander stellt eine erhebliche strukturelle Verbesserung dar, da eine deutlich größere Öffentlichkeit erreicht werden kann. Mehr

 

Ziele

Das Projekt ermöglicht eine stärkere Vernetzung der bereits jahrelang hier aktiven Roma-Selbstorganisationen, um so Ressourcen zu bündeln und sich als aktive Interessenvertretung in den Communities zu etablieren. Aufgrund von Synergieeffekten ermöglicht das gemeinsame Auftreten in der Öffentlichkeit eine weitaus größere Sichtbarkeit und Reichweite als die oft isoliert laufende Arbeit einzelner Akteure und Organisationen. Dies ist entscheidend für die positive Sichtbarkeit von Rom*nja ebenso wie für die Erfolgsaussichten politischer Kampagnen und Forderungen. 
Das Projekt reagiert somit auf einen Bedarf, der sich daraus ergibt, dass es eine Interessenvertretung der ausländischen Rom*nja vorher nicht gab. Es ist aber für die Communities von großer Wichtigkeit, ihre Stimme erheben und politische Forderungen stellen zu können, umso mehr, als sie selbst immer wieder zur Zielgruppe von Gesetzesverschärfungen werden. Eine solche eigenständige Interessenvertretung muss dabei von Rom*nja selbst geleistet werden können, um Empowerment zu ermöglichen. Ein weiteres wichtiges Ziel ist deshalb die Ausbildung von jungen Rom*nja zu Multiplikatoren in der Bildungs- und Empowermentarbeit.

Amaro Foro

Amaro Foro e.V. (Unsere Stadt) ist ein interkultureller Jugendverband von Roma und nicht-Roma mit dem Ziel, jungen Menschen durch Empowerment, Mobilisierung, Selbstorganisation und Partizipation Raum zu schaffen, um aktive Bürger*innen zu werden.  Als junge Roma und nicht-Roma übernehmen wir gemeinsam Verantwortung in der Gesellschaft für Achtung und gegenseitigen Respekt.

Ziele

Die Arbeit des Verbands soll insbesondere dazu beitragen, dass sich die Kinder und Jugendlichen zu kritikfähigen, verantwortungsbewussten, Verantwortung übernehmenden und bewusst handelnden Mitbürger*innen unserer Gesellschaft entwickeln können. Voraussetzung dafür ist eine Erziehungs-arbeit, die den Menschen in seiner Würde und Freiheit in den Mittelpunkt stellt. Er will die Belange, Anliegen und Interessen von Kindern und Jugendlichen deutlich machen und vertreten.

Website

Rroma Informations Centrum

Das Rroma Informations Centrum e.V. wurde im August 2011 gegründet.
Es besteht aus Mitgliedern von Rroma und Nicht-Rroma und ist eine Rroma-Selbstorganisation.
Bis heute wird sich überwiegend aus der Perspektive der Nicht-Rroma mit unseren Belangen befasst. Stichworte wie „nicht integrierbar“, „bildungsfern“ und „unprofessionell“ sind dabei vorherrschende, sich selbst erfüllende Prophezeiungen.
Dieser fremdbestimmten Maschinerie und Politik wollen wir eine selbstbestimmte Vereinsarbeit entgegen setzen. Selbstorganisation bedeutet für uns, dass sowohl Vereinspositionen wie der Vorstand oder die Geschäftsführung, als auch Projektleiterinnenpositionen mit Rromafachleuten besetzt werden.

Ziele

Die Rroma-Mitglieder setzen sich aus der eigenen Profession wie die der Erziehungswissenschaften, Sozialpädagogik, Politik-, Kunst- und Kulturwissenschaften heraus mit rromabezogenen Themen auseinander. Dabei sind Qualität und Solidarität grundlegende Werte unseres Aktionsverständnisses.

Wir wollen unsere Geschichte selbst erzählen und gestalten. Das Rroma Informations Centrum e.V. bietet eine Plattform für Rroma-Aktivist_innen um Stimmen hörbar zu machen und die Vielfalt der Rroma-Perspektiven zu Themen wie Politik, Bildung, Kunst und Kultur aufzuzeigen und zur gesamtgesellschaftlichen Reflexion beizutragen.

Webseite

Hintergrund

Geschichte der Roma

Die Vorfahren der heute in Europa lebenden Rom*nja kamen ursprünglich aus dem heutigen Nordwestindien und Pakistan. Ihre Migration nach Westen begann vermutlich vor etwa tausend Jahren. Es gab verschiedene Routen wie beispielsweise die über den Nahen Osten und Nordafrika nach Spanien oder über die Türkei und Griechenland nach Südost- und später Westeuropa. Immer wieder ließen sich auch Gruppen dauerhaft oder zumindest für einige Generationen nieder. 
Da die Rom*nja lange nur über eine mündliche Geschichtsschreibung verfügten, ist es in vielen Punkten kaum möglich, historisch gesicherte Informationen zu bekommen. Daher gibt es auch verschiedene Theorien zu den Migrationsbewegungen der verschiedenen Gruppen. Solche Theorien stützen sich in der Regel jedoch ausschließlich auf linguistische Untersuchungen: Fest steht inzwischen, dass das Romanes auf das indische Sanskrit zurückgeht und mit dem heutigen Hindi verwandt ist. Darüber hinaus finden sich im Romanes Lehnwörter etwa aus dem Griechischen und aus anderen europäischen Sprachen, anhand derer versucht wird, die Migration zu rekonstruieren. Mehr

 

Antiziganismus

Antiziganismus ist eine Form von Rassismus, die in unserer Gesellschaft weit verbreitet ist und die vor allem Roma erleben. Aber auch andere Gruppen wie beispielsweise Sinti, kosovarische Ashkali, französische Manouche oder Irish Traveller sind davon betroffen. Und sogar Menschen, die sich zu keiner dieser Bevölkerungsgruppen zugehörig fühlen, kann Antiziganismus begegnen. 
Hierbei handelt es sich um eine Diskriminierungsform, die von der Mehrheitsgesellschaft ausgeht. Sie zeigt sich auf verschiedenen Ebenen: neben klischeehaften Wahrnehmungsmustern sind stereotype Darstellungen und ganz konkrete Handlungen von Einzelpersonen oder Gruppen ein wichtiger Bestandteil. Das macht sich zum Beispiel dann bemerkbar, wenn Roma aufgrund von Vorurteilen bei Arbeitgeber_innen keine Anstellung erhalten. Antiziganismus beziehungsweise Rassismus gegen Sinti und Roma geht aber auch von gesellschaftlichen Strukturen aus. Das zeigt sich zum Beispiel dann, wenn Roma-Kinder in Schulen in abgetrennten Klassen unterrichtet werden. Mehr

Roma in Berlin

Die Heterogenität der verschiedenen Roma-Communities in Deutschland ist vielleicht am besten in Berlin sichtbar, wo viele Rom*nja leben und außerdem viele Selbstorganisationen und Interessenvertretungen ihren Sitz haben. Für das Community-Building-Projekt sind weniger die Sinti und Roma relevant, die seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten in Deutschland leben und mehr die, die in den letzten Jahren eingewandert sind. Das sind zum einen Rom*nja aus den Westbalkanstaaten, die als Asylbewerber*innen nach Deutschland kamen, teils schon vor zwanzig Jahren. Sobald der Asylantrag abgelehnt ist, leben diese Menschen mit einer Duldung – und zwar oft über Jahre oder Jahrzehnte. Viele haben inzwischen Kinder bekommen, die hier geboren sind, und haben kaum noch einen Bezug zu ihrem ursprünglichen Herkunftsland. Seit der Erklärung der Westbalkanstaaten zu sogenannten sicheren Herkunftsstaaten haben selbst diese Menschen (und ebenso natürlich alle, die erst innerhalb der letzten Jahre eingereist sind) keine Aussicht mehr auf ein Leben in Deutschland. Die Abschiebepraxis wird verschärft, so dass viele Menschen permanent in Angst leben. Aus Protest gegen diese politischen Entscheidungen wurde im Mai 2016 in Berlin das Mahnmal für die ermordeten Sinti und Roma besetzt – jedoch erfolglos. Es wurde geräumt und die meisten der Besatzer sind inzwischen abgeschoben worden. Mehr
 

Roma Aktionsplan

Der Aktionsplan zur Einbeziehung ausländischer Roma wurde vom Berliner Senat am 16.7.2013 beschlossen, um auf die Zuwanderung der vorangegangenen Jahre aus Rumänien und Bulgarien zu reagieren. Viele der Zugewanderten sind Rom*nja – dazu gibt es aber keine Zahlen, sondern bestenfalls Schätzungen, da die ethnische Zugehörigkeit anders als die Staatsbürgerschaft nicht erfasst wird. Der Name des Aktionsplans ist daher insofern irreführend, als viele der darin beschriebenen Probleme keine Roma-Probleme sind, sondern auf verschiedene strukturelle Ursachen zurückgehen – der Zugang zur Krankenversicherung beispielsweise ist grundsätzlich für alle Menschen aus Rumänien und Bulgarien, die hier nicht studieren, im Leistungsbezug oder abhängig beschäftigt sind, nicht ganz einfach: Die Abrechnung mit der europäischen Krankenversicherungskarte funktioniert in der Praxis oft nicht, auch die Kommunikation zwischen den Krankenkassen verschiedener europäischer Länder gestaltet sich oft schwierig, um nur ein Beispiel zu nennen. Mehr